min-forest Tagebuch

Hier findet Ihr die ganze Geschichte von min-forest, unsere Projekte und Beobachtungen in chronologischer Folge.

 

  • 2018 - Es gibt keine Zufälle

    2018 - Es gibt keine Zufälle

    Der Kauf

    Seit 20 Jahren gehen wir mit unseren Hunden fast jeden Tag von Zuhause aus ein ansteigendes Gelände hinauf, um unsere Runde zu drehen, ohne über die Straße zu müssen. Früher war diese Fläche eine riesige Heuwiese.

    Irgendwann kamen große Maschinen, haben das ganze Areal (mit Ausnahme der uralten Schlehdorn-Hecke) buchstäblich auf links gezogen und dann aufgeforstet und eingezäunt. Wir fragten den Besitzer, ob wir Törchen in den Zaun bauen dürfen, damit wir weiterhin über diesen Weg in den Wald gelangen können. Kein Problem, der Besitzer war sehr nett und hatte mit dieser Schonung auch weiter nichts vor.

    Also liefen wir fast zehn Jahre durch einen ganz, ganz jungen Wald und beobachteten, wie die verschiedenen Bäume in verschiedenem Tempo wuchsen.

    Durch den kuriosen  Diebstahl von hunderten Buchensetzlingen  waren Freiflächen entstanden und das ganze Areal wuchs zu einer stillen Idylle heran. Niemand ging hier außer uns und wir kannten bald jeden Baum mit Vornamen,.

    Als wir uns in unserem Hausgarten immer intensiver mit Vogel- und Insektenschutz befassten, kamen wir auf die Idee, zu fragen, ob wir in der Schonung ein paar blühende Inselchen schaffen dürfen. Der Besitzer kam bei uns vorbei, erlaubte uns die Aussaat von heimischen Blühpflanzen und erwähnte so ganz nebenbei: „Ich will das hier sowieso alles verkaufen!“

    Dieser Satz hat bei uns gesessen! Einerseits hatten wir wirklich Sorge, was ein eventueller Käufer mit diesem Stückchen Land tun und was für eine Art „Nachbar“ er sein würde. Andererseits spielten wir mit dem Wunschtraum, die Schonung zu kaufen. Eigentlich war das vollkommen utopisch...

    Es siegte das naturliebende Herz über den kalkulierenden Verstand. Wir traten in Verhandlungen. Wald war derzeit exorbitant teuer. Es gibt tatsächlich so einen Trend, dass Privatleute sich kleine Waldstücke kaufen. Und die zahlen offenbar weit überhöhte Preise. Außerdem hatten die umliegenden Landwirte ein Vorkaufsrecht.

    Wir setzten darauf, dass die Schonung ja rein forstwirtschaftlich so gut wie wertlos war: Die meisten Buchen waren gestohlen, viele waren vom eingedrungenen Wild verbissen und damit ebenfalls nicht für die Holzgewinnung geeignet. Und die Eichen werden frühestens in mehreren Jahrzehnten groß genug sein, um damit Geld zu verdienen. Und diese unsere Rechnung ging auf. Niemand sonst interessierte sich für dieses Grundstück und der Preis sank und sank.

    Um es kurz zu machen: Im Juni 2018, als wir gerade in Südtirol auf einer Bergwanderung waren, klingelte das Handy und wir bekamen die endgültige Zusage, dass alles in trockenen Tüchern von allen möglichen Behörden abgesegnet und durchgewunken war. Wir waren Waldbesitzer!

    Als wir aus den Ferien zurückgekehrt waren und zum ersten Mal durch unsere Schonung liefen, war das ein unfassbares Gefühl von Freude und Sinngebung.

    Die Waldbank

    Die erste Anschaffung für unseren Waldrand war die Waldbank! Die Bank ist für uns das Herz unseres Waldrands. Sie ist ein einladender Ruhepol, die Mitte und der Ausgangspunkt unserer Gedanken um dieses Stückchen Erde.

    Dort saßen wir auch, als wir die allerersten Pläne für unser Projekt machten. Wir überlegten, verschiedene Zonen schaffen, die sich unterschiedlich entwickeln und so eine möglichst große Vielfalt an Mini-Ökosystemen bilden. Wir wollten so wenig wie möglich eingreifen und uns von verschiedenen Experten beraten lassen.

    Die erste Dürre

    Der Sommer 2018 war hier bei uns extrem trocken. Die übrig gebliebenen, frei in der Sonne stehenden Buchen, begannen eine nach der anderen abzusterben. Wir stellten an der gemähten Fläche um die Waldbank Tränken für das Wild auf. Eine große Wanne für Rehe und flache Schalen auf dem Boden für Kleinsäuger und Insekten. Jeden Tag füllten wir die Tränken mit der Gießkanne auf.

    Aus der Dürre heraus entstand auch eine erste Art von Ökosystem in unserem Waldrand. Unsere drei Esel hatten schon im Hochsommer kein Gras mehr auf den Koppeln. Es wuchs in der Trockenheit einfach nichts mehr nach. Der Boden war vollkommen verdorrt. Dementsprechend gab es auch nirgends mehr Heu zu kaufen. In der Schonung stand noch hohes Gras, das zwar so gut wie vertrocknet, aber für die Esel eine prima Nahrung war.

    Wir zäunten einen kleinen Teil der Schonung ein, der direkt an den Paddock der Esel anschloss und in dem keine Bäume standen, die Esel anknabbern würden. Gleichzeitig fiel der Entschluss, dieses Stückchen langfristig in Phasen beweiden zu lassen und zu schauen, welche Pflanzen sich dann dort etablieren würden und wie sich das Areal dann ändert.

    So entstand das Ökosystem "Weideland", in dem zweimal im Jahr (Frühjahr und Spätsommer) die Esel alles für sie fressbare aus dieser Fläche herausweideten und damit offenen Boden für aussamende Pflanzen schufen.

    Wespen

    Trotz der  neuen Eselweide mussten wir im Spätsommer weiteres Futter für die Esel sensen. Unter den Bäumen in unserer Schonung war ja das alte Weidegras von früher wieder durchgekommen. Jeden Tag liefen wir also mit Schubkarre, Sense und Heunetzen in die Schonung, um Futter zu holen. Wir hofften, dass die Fläche durch das Sensen auch etwas offener für Wildsamen würde – wenn denn irgendwann mal wieder Regen fallen würde ...

    Jedenfalls geschah es in diesem Spätsommer, dass Stefan mit der Sense an ein Erdwespennest geriet und natürlich von dem Scharm massiv angegriffen und auch bei seiner Flucht verfolgt wurde. An die 100 Stiche hat er davongetragen. Das Wespengift hat fast eine Woche lang besorgniserregende Symptome erzeugt. Aber zum Glück wurde alles wieder gut.

    Rundwege

    Um unseren kleinen Waldrand beobachten und auch zeigen zu können, hat Stefan sehr schonend mehrere Rundwege hineingemäht. Dabei entdeckten wir so interessante Dinge, wie Hopfen, der an Erlen hinaufklettert, Sumpfburgen von Maulwürfen und die blanken Knochen eines kompletten Rehs im Fichtendickicht.

    Winter

    Im ersten Winter als Waldrandbesitzer entwickelten wir das Konzept von min-forest und streckten unsere Fühler nach Menschen aus, die uns beraten könnten. Schon für den Beginn des neuen Jahres kündigte sich unser zuständiger Förster an, den wir um einen Besuch gebeten hatten.

  • 2019 - Die ersten Projekte

    2019 - Die ersten Projekte

    Besuch vom Förster

    Der Winter 2018/2019 war ungewöhnlich trocken. Wo wir sonst wochenlang durch Schlamm liefen, blieb der Boden fest. An einem frostigen Januartag besuchte uns Herr Berkemeier, der zuständige Förster für unser Gebiet. Wir spazierten durch die Schonung und erzählten, dass wir aus dem Areal ein Artenschutzprojekt machen möchten. Herr Berkemeier erklärte uns viele superinteressante Zusammenhänge in einem Wald.

    Ja - Wald - das war das komplizierte rechtliche Thema. Wir hatten ja offiziell Wald gekauft. Der gehört jetzt zwar uns, aber das bedeutet nicht, dass wir mit dem Gelände machen können, was wir wollen. Wer Wald kauft, der muss auch dafür sorgen, dass das Grundstück ein Wald bleibt. Wir wollten hier aber Artenreichtum fördern und auf besonntem Gelände gibt es immer mehr Biodiversität, als in einem geschlossenen Wald.

    Es eröffnete sich uns aber eine Lösung, die unseren Plänen mehr als entgegenkam: Waldrand! Natürliche Waldränder sind sehr wichtige und leider in unserem Land auch sehr seltene Ökosysteme. Unsere Schonung IST aber durch die freie Fläche in der Mitte und die vielen jungen Bäume und Sträucher bereits ein Waldrand. Solche wertvollen Areale dürfen und sollen auch als Waldrand erhalten und gepflegt werden. Dort finden nicht nur blühende Blumen und Kräuter Platz, sondern auch alle möglichen Naturelemente, wie wir sie ja auch geplant hatten.

    Durch den Besuch von Herrn Berkemeier, für den wir uns sehr herzlich bedanken, ist also der Zweck unseres Artenschutzprojektes gefunden worden: Ein artenreicher Waldrand.

    Ab jetzt sprechen wir nicht mehr von "Schonung", sondern von unserem "Waldrand".

     

    Frühling 2019

    Wir wagen die allerersten Neupflanzungen. Vier Bäumchen ziehen in unseren Waldrand ein. Kurioserweise gehören dazu auch zwei Nadelbäume. Eigentlich wollen wir ja mehr Laubbäume und weniger Nadelbäume. Aber wir wollen auch Vielfalt zeigen. Deshalb möchten wir zu den vielen Fichten, die in die ehemalige Schonung gepflanzt wurden, noch zwei weitere, ganz andere Nadelbäume für Besucher unterscheidbar machen. Außerdem gibt es hier inzwischen auch Vögel, die von Nadelbäumen abhängig sind. Viele Wildtiere brauchen die dichten Nadelkronen auch, um sich vor Beutegreifern zu verstecken. Wir pflanzten also eine Kiefer und eine Lärche.

    An der Waldbank fand Claudis Lieblingsbaum Platz: eine Eberesche. In unserem ganzen Waldrand war keine Eberesche zu finden, und dieser Baum bietet reichlich Nahrung für Insekten und Vögel.

    Zuletzt pflanzten wir noch eine kleine Kornelkirsche. Dieser strauchartige Baum wächst nur sehr, sehr langsam, ist aber zugleich eins der allerwichtigsten Gehölze für Insekten, insbesondere Bienen, Hummeln und Wespen. Denn die Kornelkirsche blüht sehr früh und bietet den frisch aus der Winterruhe erwachten Königinnen das erste Futter. Bis unsere Kornelkirsche blüht, werden allerdings noch Jahre vergehen.

    Alle vier Bäumchen schützten wir mit Draht gegen Wildverbiss. Das waren unsere ersten Ergänzungen in dem wachsenden Waldrand.

    Sommer 2019 - die zweite Dürre

    Im Frühling 2019 ist uns die Bedrohung des Klimawandels erstmalig in ihrer ganzen Dimension bewusst geworden. Wir haben einige Woche sehr schwer damit zu kämpfen, diese Realität irgendwie in unseren Seelen und unserem Lebensgefühl zu verorten. Nach und nach richten wir diese immense Sorge immer mehr dahin aus, dass unser Waldrandprojekt jetzt wichtiger ist denn je. Wir unterstützen Fridays for Future und Extinction Rebellion und versuchen, uns an das Gefühl zu gewöhnen, dass die ganze Welt sich auf einer gefährlichen Gratwanderung befindet.

    Durch die Trockenheit des letzten Sommers hat der Borkenkäfer schon in der gesamten Gegend so gut wie alle Fichten vernichtet. Die Fichten in unserem Waldrand sehen noch gesund aus, aber sie sind auch noch zu jung für einen Käferbefall.

    Im Juni sind wir schockiert, als wir entdecken, dass unsere kleine, neugepflanzte Lärche die Nadeln verliert. Sie hat jetzt schon zu wenig Wasser! Es hilft nichts: Wir müssen unsere vier neu gepflanzten Bäume gießen! Und zwar den ganzen Sommer über. Jeden Tag schleppen wir eine Gißkanne mit 15 Liter Wasser den Hang hinauf, um reihum die vier Bäume zu gießen. Für die Lärche scheint aber das Wasser zu spät zu kommen. Wir kommen uns ziemlich blöd vor, diese kleine, nackte Baumleiche weiter jeden vierten Tag mit 15 Litern Wasser zu begießen und irgendwann geben wir es dann auch auf.

    Wie glücklich sind wir, als wir Mitte Juli entdecken, dass die kleine Lärche wieder ausgeschlagen hat. Das Gießen hat sie doch noch gerettet. Überall kommen winzige grüne Triebe. Jetzt gießen wir sie wieder weiter und sie dankt es uns, indem sie wieder vollkommen grün wird!

    Aber die Dürre und Hitze fordern weiter ihren Tribut in unserem Waldrand.  Am 25. Juli ist es im Schatten 36°C heiß und wir wissen: Das ist ab jetzt keine Ausnahmetemperatur mehr für den Sommer! Viele der jungen Buchen, welche die Dürre 2018 überlebt haben, geben jetzt endgültig auf. Im Klimawandel kann man keine Buchen mehr in freies Land setzten. Junge Buchen wachsen natürlicherweise im Schatten alter Buchen heran. In der prallen Sonne und bei Trockenheit können sie nicht überleben.

    Auch in diesem Sommer befüllen wir täglich die Tränken für das Wild.

     

    Der erste Totholzhaufen

    Wir  haben Wochenend-Besuch von Sanne und Tillmann. Spontan beschließen wir vier, einen lange geplanten Totholzhaufen in den Waldrand zu bauen. Die beiden Männer heben ein Stück Grasnarbe aus und graben eine Drainange - falls es irgendwann mal wieder regnet ...

    Ganz unten kommt stark verrottetes Holz aus unseren Brennholzvorräten hinein. Und dann schleppen wir stundenlang Holz aus dem gesamten Waldrand heran. Es liegen noch einige Erlenstämme von den Wegbauarbeiten herum, die Stefan kleingesägt.  Und natürlich finden wir jede Menge Äste und Zweige. Am Ende dieses heißen Tages ist ein beachtlicher Haufen zusammengekommen, der aber in Zukunft noch weiter wachsen soll.

    Unser erstes Naturschutz-Modul im Waldrand ist entstanden!

    Herbst 2019 - neue Kontakte

    Es ist unglaublich wie viele Schlehen und Brombeeren es trotz der Dürre gibt. Wir sammeln jede Menge für Marmelade und Likör.

    Wir haben Besuch von der ANTL (Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Tecklenburger Land). Fast eine Stunde wandern wir langsam mit der Gruppe durch unseren Waldrand und erklären unsere Pläne. Unsere Gäste, die sich ja sehr gut in der heimischen Natur auskennen, sehen wieder ganz andere Aspekte als der Förster und freuen sich über unsere Projekt. Wir erhalten Hilfsangebote und das geht ziemlich schnell: Der hiesige Steinbruch sagt uns eine Ladung Natursteine zu, damit wir Steinhaufen für Amphibien und Reptilien bauen können. Wir jubeln! Allerdings heißt es jetzt, geeignete Transportmittel zu finden und vor allem trockenen Boden abzuwarten! Denn tatsächlich hat es in diesem Herbst angefangen zu regnen! Der Boden ist zu weich, um Steine in oder auch nur an den Waldrand zu fahren.

    Im September beschert uns der Zufall dann einen weiteren hochinteressanten Kontakt. Wir besuchen den Tag der offenen Tür auf dem Frecklinghof, einem Tecklenburger Bio-Bauernhof ganz in unserer Nähe. Dort stellt sich ein ganz junges Unternehmen namens "Forestfarmers" vor. Wir lernen das Prinzip des essbaren Waldgartens kennen und sind restlos begeistert. Waldgärten sind jetzt, im Klimawandel, die eierlegende Wollmilchsau für die Zukunft. Sie halten das Wasser im Boden, sie binden CO2, sie liefern Lebensraum und Nahrung für Tiere und gleichzeitig auch Nahrung für Menschen. Wir wollen das auf jeden Fall in unseren Waldrand integrieren.

    Und damit ist auch klar, was wir im Winter mit unserer Freizeit tun werden: Lernen! Wir haben uns im Laufe der Jahre schon viel Wissen über die heimische Natur angeeignet. Aber jetzt kommt noch das Waldgärtnern hinzu. Außerdem müssen wir einen Schwerpunkt auf Wasser, Wassergewinnung und Wassererhalt legen. Wir werden sehr viel lesen und sehr viel planen.

     

  • 2020 - Es geht richtig los

    2020 - Es geht richtig los

    Januar - Bienenhang und Sumpfburg

    Der Januar war so mild, dass es uns nicht mehr drinnen hielt. Wir wollten endlich Dinge tun!

    Wildbienen stehen bei uns ja ganz besonders im Fokus. Stefan träumte die ganze Zeit schon davon, für die Steilwandnister einen Erdabbruch herzustellen. Er suchte sich die steilste Stelle im Waldrand und die lag auch sehr günstig nach Süden ausgerichtet und wird im Hochsommer von einigen Bäumen beschattet sein. Ein freier Anflug ist auch möglich.

    Es war eine ziemliche Schlammschlacht. Aber heraus kam ein ansehnlicher Hang.

    Gegen Ende Januar wurde es aber wegen des Wetters zunehmend unmöglich weiter zu arbeiten. Der Regen hatte auf vielen Wegen den Boden in tiefen Schlamm verwandelt und wir stellten vorerst alle Arbeiten vor Ort ein.

    Auch die Maulwürfe stellten sich auf die Regenmenge ein: Wir entdeckten zwei Sumpfburgen. Das sind überdimensional große Maulwurfshaufen, in denen die Tiere unter der Erde, aber über dem Wasserstand des Bodens sein können. Wahnsinn, was diese kleinen Schäufelchen so an Erde zusammenschaffen können!

     

    Ein nasser Winter

    Im Februar fielen mehr als 200% der üblichen Regenmenge. Auf der dicken Tonschicht, die in unserem Waldrand unter der oberen Erdschicht liegt, floss das Wasser permanent bergab. Der Boden konnte sich endlich, endlich bis in die Tiefe vollsaugen. Auf Satellitenbildern konnten wir sehen, dass wir uns auf einer kleinen Insel befanden, wo der Wassergehalt des Bodens wieder in etwa so war wie vor den zwei Dürrejahren. Das war schon eine große Erleichterung. Deshalb ertrugen wir es auch stoisch, dass ohne Gummistiefel gar nichts mehr ging und unsere Hündin Milla am liebsten überhaupt nicht mehr raus gehen wollte.

    Sturm, Sturm und Sturm!

    Dazu Massen an Regen und Hagel. Es ist kaum auszuhalten. Wir helfen uns damit, Bäume zu bestellen. Auch wenn der Waldgartenbereich kaum 1% unseres Waldrands einnehmen wird, ist das jetzt erstmal ein kostspieliges Unterfangen. Aber wofür, wenn nicht dafür?

    Natürlich wollen wir in unseren Waldrand nur Bio-Pflanzen einbringen. Das schlägt sich aber auch im Preis nieder. Aber die Gärtnereien, die Bio-Erzeugnisse herstellen sollen dabei auch unterstützt werden.

    Auf die Bestell-Liste kamen
    3 Apfelbäume
    2 Zwetschgen
    2 Kirschen
    2 Haselnüsse
    1 Holunder
    1 Kiwi (selbstbefruchtend)
    1 Ölweide
    1 stachellose Brombeere

    Und schon brauchen wir die nächsten Bücher: Obstbaumschnitt! Es ist ja nicht so, dass wir nicht wissen, was wir drinnen machen sollen, während draußen die Stürme toben.

    Schon bald kam unsere Baum-Lieferung. Aber im Waldrand war es noch viel zu nass zum Pflanzen, deshalb schlugen wir die Bäumchen erstmal windgeschützt ein.

    Februar - Die Blänken

    Im Februar suchten wir die Stellen im Waldrand, wo das abfließende Regenwasser regelrechte Quellen bildete und sich das Wasser wie in einem Teich sammelte. In Norddeutschland nennt man solche Stellen "Blänken". Diese wechselfeuchten Vertiefungen sind sehr wertvoll für die Natur, insbesondere für Amphibien. Wir vertieften die  natürlichen Senken und wie erhofft blieb das Wasser in der Tonschicht von allein stehen. Wasserstellen gehören unbedingt als Naturmodule in den Waldrand. Wir wollten aber auf keinen Fall Plastik in den Boden einbringen oder künstliche Teiche anlegen.

    Wie zwei runde Spiegel fügen sich die Blänken in die Landschaft ein und tragen zur Idylle bei. Schon früh pflanzten wir Sumpfpflanzen an die Ufer, die auch sommerliches Austrocknen überstehen: Sumpfdotterblume, Sumpfhaarstrang, kleine Schwertlilien und Wollgras.

    Februar/März - Mulch-Inseln

    Im Winter kann man viele Bücher lesen. Und wir bildeten uns in Permakultur. Das war eigentlich für unseren Garten gedacht, aber wir fanden hervorragende Anregungen für den Waldrand.

    Die Tatsache, dass jedes freie Stück Boden im Waldrand von Weidegras überwuchert ist, macht es sehr schwer, blühende Pflanzen für die Insekten zu etablieren. Es kommt für uns aber nicht in Frage, etwas umzugraben. Erstens, weil das ein zu brutaler Eingriff ins Bodenleben wäreund zweitens, weil wir bei der Anlage der Schonung gesehen haben, dass auch brachiales Umgraben das Weidegras nicht verdrängt. Nicht zuletzt wäre das auch vom Arbeitsaufwand her überhaupt nicht zu schaffen. Denn wir wollen keine Traktoren oder andere große Maschinen in unserem Waldrand fahren lassen. Der Boden ist schon verdichtet genug.

    Beim Lesen in den Permakulturbüchern kamen wieder „Zufälle“ zusammen. Denn tatsächlich kann man überwachsenen Boden mittels alten Teppichen wieder bepflanzbar machen. Das müssen natürlich Teppiche sein, die zu 100% aus verrottbaren Naturmaterialien bestehen.

    Der „Zufall“ war, dass wir schon seit Jahren mehrere uralte Teppiche eingelagert hatten. Die Teppiche waren ganz sicher einmal wertvoll. Jedenfalls bevor sie von der Sonne ausgebleicht wurden und zum Teil bis aufs Gewebe durchgetreten waren.

    Es war vollkommen kurios, zwei echte Perser und einen Seidenteppich im Waldrand in den Regen zu legen und dann Schubkarre für Schubkarre mit Mist vollzuschütten. Aber auf diese Weise kann das Weidegras nicht mehr wachsen. Es kann die Teppiche nicht durchdringen und stirbt darunter ab. Mit der Zeit verrotten die Teppiche unter der dicken Mulchschicht und können von oben wieder von Pflanzen durchwurzelt werden.

    Wir können also auf unseren „Teppichbeeten“ in ca. 6-12 Monaten Blühpflanzen aussäen.

    Also Leute: sichert Euch Omas alte Berber und Perser, um darauf Blumen zu pflanzen!

     

    März - zwischen Nässe und Frühling

    Der viele Regen macht uns bei den Obstbäumen zu schaffen. Sobald wir ein Loch graben, läuft es voll Wasser! Den ersten Apfelbaum (Peasgoods-Sondergleichen) haben wir deshalb erhöht gesetzt. Aus Buchenstämmen haben wir einen Rand gebaut und den mit Erde gefüllt. So steht der Apfel nicht im Wasser.

    Dann war es eine Weile ziemlich kalt und die ausbrechende Corona-Pandemie hat uns eine Weile im Tatendrang gelähmt. Ende März war das Wasser aus dem Boden dann soweit abgelaufen, dass wir die weiteren Obstbäume ohne Erhöhung, direkt in den Boden setzen konnten. Es war auch höchste Zeit, die Knospen an den Bäumchen waren schon sehr prall.

    Ein paar Frostnächte haben der Kiwi die ersten Blättchen weggefroren. Wir wissen nicht, ob sie überlebt. Haben ihr Pulsatilla gegeben. Der Ölweide war anscheinend der Boden zu nass. Sie hat gelbliche Blätter bekommen.

    Dafür ist ein Blaumeisenpaar in den neuen Nistkasten an einer jungen Erle eingezogen. Und die frisch gepflanzten Sumpfdotterblumen in den Blänken blühen prächtig.

     

    April - vom Schlamm in die Dürre

    Wieder einmal ist plötzlich Sommer! Zumindest tagsüber. Der Regen hat schlagartig aufgehört und wir mussten anfangen, sowohl die Blänken als auch die Obstbäume zu gießen, die wir jetzt endlich alle einpflanzen konnten. Jeden Morgen, wenn wir mit dem Hund eine Runde gehen, nehmen wir eine 15-Liter-Gießkanne mit und die Bäume bekommen reihum Wasser. Wir wollen erst gar nicht warten, bis der Boden so trocken ist, dass er das Wasser nicht mehr richtig aufnehmen kann.

    Mittags bringen wir dann nochmal zu jeder Blänke 15 Liter. Der Wasserspiegel unserer beiden Mini-Seen ist beträchtlich gefallen. Der Uferbereich ist mit weiteren Sumpfpflanzen eingesät. Bis die Blänken von ihrem eigenen Bewuchs beschattet werden, müssen wir mit Wasser aus der Gießkanne helfen.

    Das Wunderschöne ist ja, dass die Natur jeden kleinen Finger greift, den man ihr hinstreckt: In der unteren Blänke lebt jetzt ein kleiner Teichfrosch! Am Aushub der oberen Blänke lebt jetzt mindestens eine Eidechse.

    Die erforene Kiwi treibt von unten wieder aus, was uns auch sehr freut.

    Im April ist auch ein neues Naturmodul entstanden: Unser "Elefantenberg". Das ist ein Totholzhaufen, der aus Baumstamm-Abschnitten aufgeschichtet wurde. Er steht ganz oben im Waldrand in der prallen Sonne, und ist von hinten mit Erde bedeckt, in die ich Vogelmiere gesät habe.

    Ein weiterer Totholzhaufen

    Wir haben sehr viele Buchenstämme als Brennholz bekommen. Die Buchen waren krank und mussten leider, leider fallen. Einen Teil dieses wertvollen Totholzes wollen wir der Natur zurückgeben und daraus einen zweiten Totholzhaufen bauen.

    Stefan sägt "Pömpel", die so groß sind, dass man sie noch mit Manpower bewegen kann.

    Am ausgewählten Platz wird die Grasnarbe abgestochen, damit Tiere unter dem Holz Zugang zum Erdboden haben. Auch eine kleine Drainagerinne wird angelegt.

    Das gesägte Holz liegt unten hinter dem Haus. Der Platz für den neuen Totholzhaufen ist ganz oben in Waldrand. Das geht nur mit größeren Transportmitteln und ein paar hundert Meter über die Straße.

    Oben angekommen, muss alles wieder abgeladen und mit der Schubkarre ein paar Meter in den Waldrand gebracht werden. Das ist Männer-Sport! Wie gut, dass Thomas uns hilft!

    Thomas puzzelt die Stücke so übereinander, dass unser "Elefantenberg" hält. Dann werden die Teile noch hier und da verkeilt.

    Fertig! Das Ganze sieht noch ganz neu aus. Bald wird das Holz anfangen zu rotten und es werden sich Pflanzen und Tiere einfinden.

    Hinten, also auf der Nordseite, haben wir einen Teil mit Grassoden bedeckt, auf denen Vogelwicke eingesät ist.

    Blütenbestand Ende April

    Für die Insekten, besonders die Wildbienen, ist es wichtig, dass es von März bis Oktober Blüten gibt, von denen sie sich und ihre Brut ernähren können. Im Februar und März haben Haselnuss, Weiden, Schwarzdorn, Holzbirne und das Scharbockskraut geblüht. Das war schonmal reichlich für die ersten Königinnen, die aus der Winterruhe erwacht sind.

    Es setzen sich jetzt endlich zwischen dem alten Weidegras Blütenteppiche durch!

    Am auffälligsten blühen die ersten unserer neu gepflanzten Obstbäumchen. Der Apfel "Peasgoods Sondergleichen", die Hauszwetschge und die Kirsche "Kordia" haben sehr schöne Blüten entfaltet.

    Der kriechende Günsel bildet an mehreren Stellen ganze Teppiche, was wunderschön aussieht.

    Den leuchtenden Löwenzahn sollten wir nicht unterschätzen, nur weil er immernoch sehr verbreitet ist. Er bietet viel Insektennahrung und auch Säugetiere fressen gern davon.

    Feenhaft wachsen unter den Bäumen ganze Kissen von Sternmiere.

    Das zarte Wiesenschaumkraut hat seinen Namen daher, dass die Schaumzikaden gerne an ihnen leben.

    Die Sumpfdotterblumen an den Blänken, die wir erst vor wenigen Wochen gesetzt haben, blühen prächtig in leuchtendem Gelb.

    Es ist also jetzt, Ende April, durchaus für einiges Insektenfutter gesorgt. In den nächsten Jahren soll das aber noch viel mehr und vor allem vielfältiger werden.