Besuch vom Förster

Der Winter 2018/2019 war ungewöhnlich trocken. Wo wir sonst wochenlang durch Schlamm liefen, blieb der Boden fest. An einem frostigen Januartag besuchte uns Herr Berkemeier, der zuständige Förster für unser Gebiet. Wir spazierten durch die Schonung und erzählten, dass wir aus dem Areal ein Artenschutzprojekt machen möchten. Herr Berkemeier erklärte uns viele superinteressante Zusammenhänge in einem Wald.

Ja - Wald - das war das komplizierte rechtliche Thema. Wir hatten ja offiziell Wald gekauft. Der gehört jetzt zwar uns, aber das bedeutet nicht, dass wir mit dem Gelände machen können, was wir wollen. Wer Wald kauft, der muss auch dafür sorgen, dass das Grundstück ein Wald bleibt. Wir wollten hier aber Artenreichtum fördern und auf besonntem Gelände gibt es immer mehr Biodiversität, als in einem geschlossenen Wald.

Es eröffnete sich uns aber eine Lösung, die unseren Plänen mehr als entgegenkam: Waldrand! Natürliche Waldränder sind sehr wichtige und leider in unserem Land auch sehr seltene Ökosysteme. Unsere Schonung IST aber durch die freie Fläche in der Mitte und die vielen jungen Bäume und Sträucher bereits ein Waldrand. Solche wertvollen Areale dürfen und sollen auch als Waldrand erhalten und gepflegt werden. Dort finden nicht nur blühende Blumen und Kräuter Platz, sondern auch alle möglichen Naturelemente, wie wir sie ja auch geplant hatten.

Durch den Besuch von Herrn Berkemeier, für den wir uns sehr herzlich bedanken, ist also der Zweck unseres Artenschutzprojektes gefunden worden: Ein artenreicher Waldrand.

Ab jetzt sprechen wir nicht mehr von "Schonung", sondern von unserem "Waldrand".

 

Frühling 2019

Wir wagen die allerersten Neupflanzungen. Vier Bäumchen ziehen in unseren Waldrand ein. Kurioserweise gehören dazu auch zwei Nadelbäume. Eigentlich wollen wir ja mehr Laubbäume und weniger Nadelbäume. Aber wir wollen auch Vielfalt zeigen. Deshalb möchten wir zu den vielen Fichten, die in die ehemalige Schonung gepflanzt wurden, noch zwei weitere, ganz andere Nadelbäume für Besucher unterscheidbar machen. Außerdem gibt es hier inzwischen auch Vögel, die von Nadelbäumen abhängig sind. Viele Wildtiere brauchen die dichten Nadelkronen auch, um sich vor Beutegreifern zu verstecken. Wir pflanzten also eine Kiefer und eine Lärche.

An der Waldbank fand Claudis Lieblingsbaum Platz: eine Eberesche. In unserem ganzen Waldrand war keine Eberesche zu finden, und dieser Baum bietet reichlich Nahrung für Insekten und Vögel.

Zuletzt pflanzten wir noch eine kleine Kornelkirsche. Dieser strauchartige Baum wächst nur sehr, sehr langsam, ist aber zugleich eins der allerwichtigsten Gehölze für Insekten, insbesondere Bienen, Hummeln und Wespen. Denn die Kornelkirsche blüht sehr früh und bietet den frisch aus der Winterruhe erwachten Königinnen das erste Futter. Bis unsere Kornelkirsche blüht, werden allerdings noch Jahre vergehen.

Alle vier Bäumchen schützten wir mit Draht gegen Wildverbiss. Das waren unsere ersten Ergänzungen in dem wachsenden Waldrand.

Sommer 2019 - die zweite Dürre

Im Frühling 2019 ist uns die Bedrohung des Klimawandels erstmalig in ihrer ganzen Dimension bewusst geworden. Wir haben einige Woche sehr schwer damit zu kämpfen, diese Realität irgendwie in unseren Seelen und unserem Lebensgefühl zu verorten. Nach und nach richten wir diese immense Sorge immer mehr dahin aus, dass unser Waldrandprojekt jetzt wichtiger ist denn je. Wir unterstützen Fridays for Future und Extinction Rebellion und versuchen, uns an das Gefühl zu gewöhnen, dass die ganze Welt sich auf einer gefährlichen Gratwanderung befindet.

Durch die Trockenheit des letzten Sommers hat der Borkenkäfer schon in der gesamten Gegend so gut wie alle Fichten vernichtet. Die Fichten in unserem Waldrand sehen noch gesund aus, aber sie sind auch noch zu jung für einen Käferbefall.

Im Juni sind wir schockiert, als wir entdecken, dass unsere kleine, neugepflanzte Lärche die Nadeln verliert. Sie hat jetzt schon zu wenig Wasser! Es hilft nichts: Wir müssen unsere vier neu gepflanzten Bäume gießen! Und zwar den ganzen Sommer über. Jeden Tag schleppen wir eine Gißkanne mit 15 Liter Wasser den Hang hinauf, um reihum die vier Bäume zu gießen. Für die Lärche scheint aber das Wasser zu spät zu kommen. Wir kommen uns ziemlich blöd vor, diese kleine, nackte Baumleiche weiter jeden vierten Tag mit 15 Litern Wasser zu begießen und irgendwann geben wir es dann auch auf.

Wie glücklich sind wir, als wir Mitte Juli entdecken, dass die kleine Lärche wieder ausgeschlagen hat. Das Gießen hat sie doch noch gerettet. Überall kommen winzige grüne Triebe. Jetzt gießen wir sie wieder weiter und sie dankt es uns, indem sie wieder vollkommen grün wird!

Aber die Dürre und Hitze fordern weiter ihren Tribut in unserem Waldrand.  Am 25. Juli ist es im Schatten 36°C heiß und wir wissen: Das ist ab jetzt keine Ausnahmetemperatur mehr für den Sommer! Viele der jungen Buchen, welche die Dürre 2018 überlebt haben, geben jetzt endgültig auf. Im Klimawandel kann man keine Buchen mehr in freies Land setzten. Junge Buchen wachsen natürlicherweise im Schatten alter Buchen heran. In der prallen Sonne und bei Trockenheit können sie nicht überleben.

Auch in diesem Sommer befüllen wir täglich die Tränken für das Wild.

 

Der erste Totholzhaufen

Wir  haben Wochenend-Besuch von Sanne und Tillmann. Spontan beschließen wir vier, einen lange geplanten Totholzhaufen in den Waldrand zu bauen. Die beiden Männer heben ein Stück Grasnarbe aus und graben eine Drainange - falls es irgendwann mal wieder regnet ...

Ganz unten kommt stark verrottetes Holz aus unseren Brennholzvorräten hinein. Und dann schleppen wir stundenlang Holz aus dem gesamten Waldrand heran. Es liegen noch einige Erlenstämme von den Wegbauarbeiten herum, die Stefan kleingesägt.  Und natürlich finden wir jede Menge Äste und Zweige. Am Ende dieses heißen Tages ist ein beachtlicher Haufen zusammengekommen, der aber in Zukunft noch weiter wachsen soll.

Unser erstes Naturschutz-Modul im Waldrand ist entstanden!

Herbst 2019 - neue Kontakte

Es ist unglaublich wie viele Schlehen und Brombeeren es trotz der Dürre gibt. Wir sammeln jede Menge für Marmelade und Likör.

Wir haben Besuch von der ANTL (Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Tecklenburger Land). Fast eine Stunde wandern wir langsam mit der Gruppe durch unseren Waldrand und erklären unsere Pläne. Unsere Gäste, die sich ja sehr gut in der heimischen Natur auskennen, sehen wieder ganz andere Aspekte als der Förster und freuen sich über unsere Projekt. Wir erhalten Hilfsangebote und das geht ziemlich schnell: Der hiesige Steinbruch sagt uns eine Ladung Natursteine zu, damit wir Steinhaufen für Amphibien und Reptilien bauen können. Wir jubeln! Allerdings heißt es jetzt, geeignete Transportmittel zu finden und vor allem trockenen Boden abzuwarten! Denn tatsächlich hat es in diesem Herbst angefangen zu regnen! Der Boden ist zu weich, um Steine in oder auch nur an den Waldrand zu fahren.

Im September beschert uns der Zufall dann einen weiteren hochinteressanten Kontakt. Wir besuchen den Tag der offenen Tür auf dem Frecklinghof, einem Tecklenburger Bio-Bauernhof ganz in unserer Nähe. Dort stellt sich ein ganz junges Unternehmen namens "Forestfarmers" vor. Wir lernen das Prinzip des essbaren Waldgartens kennen und sind restlos begeistert. Waldgärten sind jetzt, im Klimawandel, die eierlegende Wollmilchsau für die Zukunft. Sie halten das Wasser im Boden, sie binden CO2, sie liefern Lebensraum und Nahrung für Tiere und gleichzeitig auch Nahrung für Menschen. Wir wollen das auf jeden Fall in unseren Waldrand integrieren.

Und damit ist auch klar, was wir im Winter mit unserer Freizeit tun werden: Lernen! Wir haben uns im Laufe der Jahre schon viel Wissen über die heimische Natur angeeignet. Aber jetzt kommt noch das Waldgärtnern hinzu. Außerdem müssen wir einen Schwerpunkt auf Wasser, Wassergewinnung und Wassererhalt legen. Wir werden sehr viel lesen und sehr viel planen.